Interview in der Lippischen Landeszeitung vom 19. März 2005
"Ich zeigs dem Alten" Interview: Jürgen Neffe, Albert Einsteins Biograph
Albert Einsteins Relativitätstheorie wird 100 Jahre alt. Die
bahnbrechende Theorie, die
Einstein im Mai 1905 veröffentlichte, nahm Raum und Zeit ihren absoluten Charakter,
revolutionierte die Physik und erfordert immer noch etwas
Hirnakrobatik. Der Journalist und Autor Dr. Jürgen Neffe
(49) hat eine sorgfältig recherchierte populärwissenschaftliche Biographie geschrieben
und erklärt im Interview, was wir schon immer über Einstein
und seine Theorien wissen wollten.
LZ: Was ist der Grund für die ungebrochene Einstein-Begeisterung?
Jürgen Neffe: Einstein ist das Mysterium, das ein jedes Leben begleitet. Jeder weiß, wie er
aussieht, und jeder hat von seiner Relativitätstheorie gehört.
Doch die berühmte Theorie bleibt geheimnisvoll. Nur wenige steigen wirklich dahinter.
Viele schleichen um Einstein herum wie um den heißen Brei.
LZ: Sie beginnen Ihre Biographie mit
dem Gerichtsmediziner Thomas
Harvey, der Einsteins Gehirn
stiehlt und untersucht, weil er
glaubt, so das Geheimnis seiner
Genialitätzufinden. Worin liegt
für Sie der Schlüssel zu Einsteins
Genialität?
Jürgen Neffe: In seiner Biographie. Er
war sicherlich von seiner Anlage
ein intelligenter und offener
Geist, aber das alleine macht
noch keinen Einstein. Herausragend war seine beinahe an Autismus grenzende
Konzentrationsfähigkeit. Er konnte die Welt um
sich herum völlig vergessen und
sich in die Wissenschaft versenken. Bereits als Kind war er Autodidakt und brachte sich durch
das Lesen von populärwissenschaftlichen Büchern schon im
Teeniealter auf den aktuellen
Stand der Naturwissenschaften.
Ein weiterer Schlüssel liegt in
der Fabrik seines Vaters und Onkels, die für damalige Verhältnisse so etwas wie eine
Hightechfirma für Elektrotechnik war,
und in der Einstein Anschauungsunterricht für alle Theorien
der Physik nehmen konnte.
LZ: Ein Mythos, der sich bis heute
hält, ist, dass Einstein ein schlechter Schüler war. Stimmt das?
Jürgen Neffe: Möglicherweise beruht
der Mythos auf der falschen Interpretation von Einsteins Zeugnissen. Die frühen Biographen
wussten anscheinend nicht, dass
zu Einsteins Zeit die Note 6 in
der Schweiz eine l war. Und eine
5 eine 2. Einstein hatte viele Fünfen, also Zweien, im Zeugnis. In
Physik und Mathe glänzte er mit
überragenden Leistungen.
LZ: Es heißt, die Relativitätstheorie
habe zu einem anderen Weltbild
geführt. Was hat sie verändert?
Jürgen Neffe: Dass Zeit und Raum
nicht absolut sind, aber das
Licht, ist eine ungeheure Erkenntnis. Die Konsequenz ist unvorstellbar tiefschürfend und
unbedeutend zugleich, denn wir leben nach wie vor in einer
Newtonschen Welt. Für alle Geschwindigkeiten, die wir erreichen, spielt die
Relativitätstheorie keine Rolle. Aber sobald es
um Mikrowelten geht, wo sich alles mit enormen Geschwindigkeiten bewegt, müssen alle
Theorien relativiert werden.
LZ: Wo finden Einsteins Theorien
heute praktische Anwendung?
Jürgen Neffe: Beide Relativitätstheorien spielen eine wichtige Rolle
in der Raumfahrt und zwar speziell im GPS, Global Positioning
System, mit dem sich jeder in
Raum und Zeit verorten kann.
Auf bewegten Satelliten gehen
nach der speziellen Relativitätstheorie die Uhren langsamer. Er
begründete die Quantentheorie.
Auf seiner Arbeit über die Aussendung von Licht aus dem
Jahre 1916 basiert die heutige Lasertechnik. Mit seiner Arbeit
„Zur Bestimmung von Moleküldimensionen" aus dem Jahre
1905 legte er die Grundlagen der
modernen Chemie. CD-Player,
Laserchirurgie, Fax und DVD basieren auf Formeln, die Einstein
zuerst aufgeschrieben hat.
LZ: Was war die Hauptmotivation
für Einsteins Schaffen?
Jürgen Neffe: Neugierde, ein guter
Schuss Rebellentum nach dem
Motto: „Ich zeigs dem Alten
mal".
Mit dem Alten bezeichnete Einstein Gott?
LZ:
Jürgen Neffe: Ja, aber keinen personifizierten und strafenden Gott
wie ihn die Religionen malen.
Nach Einstein läuft das Weltgeschehen nach einem Plan ab. Einstein hat die Frage interessiert,
ob Gott eine Chance hatte, andere Naturgesetze zu erschaffen,
oder ob die existierenden die einzig Möglichen sind.
LZ: Er wollte wissen, wie Gott denkt.
Jürgen Neffe: Er hat den Begriff der
kosmischen Religiosität geprägt. Darunter verstand er den
Ausdruck Gottes in der Harmonie der Naturgesetze. Er bezeichnete sich als einen tief religiösen
Ungläubigen. Er glaubte nicht
an einen Gott, aber er sprach oft
von ihm.
LZ: Einstein hat mit vielen berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit
Kontakt gehabt. Auch mit Charlie Chaplin.
Jürgen Neffe: Es gibt die Anekdote,
dass beide die Premiere „Lichter der Großstadt" gesehen haben.
Anschließend bekamen beide großen Applaus. Als Einstein Chaplin fragte, was das zu
bedeuten habe, antwortete er: „Nichts. Mir wird applaudiert, weil mich
jeder versteht, und ihnen wird applaudiert, weil sie keiner versteht."
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Verlag Rowohlt
491 Seiten 22.90 Euro Bestellnr. L 6957
Genie und Rebell: Albert Einstein (l879-1955). Autor Jürgen Neffe beschreibt in seiner Biographie Leben, Theorien und Wirkung des aus
Ulm stammenden weltberühmten Physikers.
Kurzbeschreibung "Biografie Einstein"
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